Ein weit mehr als nur regionale Bedeutung ausstrahlendes Kunstwerk
besitzt das Rödersdorfer Gotteshaus in seinem Beweinungsaltar.
Die zentrale Position des Figurenschreins nimmt dabei die um ihren Sohn
trauernde Maria ein. Auf ihrem Schoß hält sie den Verblichenen am Nacken
fest. Es mutet den Betrachter an. als wolle sie nicht wahrhaben, dass ihr
einziger Sohn an den Qualen der Kreuzesmarter verstorben ist.
Eindrucksvoll versucht die von Schmerz gezeichnete Mutter mit ihrer
rechten Hand den leblosen Körper aufzurichten; aber das Haupt des
Gemarterten fällt ohne jedes Lebenszeichen nach hinten zurück. Es erweckt
den Anschein, als habe sie mit einem Tränentuch in der Linken das von so viel
Leid gezeichnete Antlitz ihres Sohnes durch behutsames Abtupfen gesäubert.
Aber auch ihr eigenes von Tränen gezeichnetes Antlitz trocknet sie damit.
Die schräg gestellten, verweinten Augen Mariens unterstreichen dabei
nachhaltig den eingegrabenen Schmerz, der ihr Innerstes aufgewühlt hat.
Blutströme am Haupt und am Oberkörper der Jesufigur zeugen von den
schmerzhaften Stachelwunden der Dornenkrone, die von den Häschern tief
in das Haupt des Heilandes gedrückt wurde. Der muskulöse, mit
heraustretenden Adern versehene rechte Arm gleitet dabei wie leblos nach
unten. An den Handflächen, den Füßen und der rechten Oberkörperseite
sind die ihm zugefügten Wundmale sehr nachhaltig sichtbar.
Die Beine des Herrn sind eingewinkelt, wobei das linke die Mariens Schoß
Verdeckenden Gewandfalten zusammenschiebt. Nachhaltig zeugt diese
gespannte und aufgewühlte Faltenknitterung auf den Ernst des grausamen
Geschehens hin. Der nur von einem Lendentuch bekleidete tote
Christuskörper mit dem gespannten Brustkorb ist anatomisch meisterhaft
gebildet. Man kann dieses Vesperbild von allen Seiten betrachten, es gibt keinen toten Punkt, ja von oben
gesehen kommen sogar die leidvollen Gesichtszüge von Mutter und Sohn
am vortrefflichsten zur Geltung. Bewundernswert ist, wie der Bildschnitzer
dieser eher in die Höhe weisenden Figurengruppe im Figurenschrein gerecht
werden konnte!
Das über den Hals der Mutter quer gelegte Kopftuch sowie das darüber
gelegte Obergewand sind als Ganzes empfunden, zeugen daher nachhaltig
von der Einheit dieser leid ausstrahlenden Gruppe, die gegenüber den
beiden anderen Schreinheiligen auf hoch geschichteten Steinen Platz
gefunden hat. Der Schreinhintergrund nimmt Bezug auf diese Beweinung;
er wird von einem gemalten lateinischen Kreuz gebildet, an dessen
Querbalken Marterinstrumente erkennbar sind. Die dunkle Bläue des
Schreinhintergrundes, gleichzusetzen mit der des Firmamentes, zeigt
nachhaltig den Ernst dieser Abendstunde an.
Rechts von dieser Beweinungsgruppe steht der hl. Bartholomäus.
Sein vollbärtiges Gesicht mit dem dicht gekräuselten
Haarschopf kann über ein müdes sentimental anmutendes Antlitz nicht
hinwegtäuschen. Bartholomäus strahlt aber eine kaum zu übertreffende
Milde aus, die diesem Blutzeugen Christi sehr zum Vorteil gereicht.
Selbstbewusst hält der Apostel, der einmal bis nach Indien missionieren
wird, ein Messer, Zeichen eines Martyriums, in der Hand, mit welchem man
ihm die eigene Haut abziehen wird. Mit der Rechten hält er ein Buch.
Schwungvolle Schüsselfalten des Gewandendes münden bei der das Buch
haltenden Hand über deren Unterarm gelegt, ein. Ihren Ausgangspunkt
haben diese Gewandfalten am linken Unterarm. Interessant ist die
Kleiderbrosche, ein gleichschenkliges Tatzenkreuz, das den Umhang am
Oberkörper zusammenhält.
Gegenüber Bartholomäus steht ein bartloser hl. Bischof, aus dessen Mitra
geradezu das überaus fein gelockte Haupthaar hervorquillt.
Ein aufgeschlagenes Buch, das er mit seiner Rechten an den Leib drückt,
kann als zu allgemeines Attribut seine Identität nicht preisgeben.
In der anderen Hand hält er seinen würdevollen Bischofsstab fest, der
in einer kunstvoll mit filigranem Laubwerk besetzten Krümmung endet.
Sein Mantel umschließt in Hüfthöhe seinen Leib, wobei schön ausgewogen
herabhängende Falten diesen umschließen. Zahlreiche Fingerringe, ein
Stehkragen sowie bis zum Gelenk reichende Fingerhandschuhe verleihen dem
geistlichen Würdenträger majestätischen Glanz, welcher auch in der
Erhabenheit des Gesichtsausdruckes mit dem kleinen geschlossenen Mund
und der glatt rasierten Kinnpartie zur Geltung kommt. Das tiefsinnige,
noch jugendlich anmutende Gesicht des Bischofs charakterisiert ihn
vorteilhaft.
Reliefartig zeigt der rechte Flügel die hl. Ursula mit einem Pfeil und
die hl. Lucia mit einem Schwert und der sie weiterhin kennzeichnenden
Halswunde. Lucia wurde dabei vom Bildschnitzer leicht in den Vordergrund
gestellt. Aus ihrer Legende sei folgendes mitgeteilt:
Ihr Vermögen den Armen opfernd, wird sie von ihrem Verlobten, den sie
nicht liebt, der Christenverfolgung unter Diokletian überantwortet.
Ein Versuch, sie zunächst zu verbrennen, misslingt, weshalb man ihr ein
Schwert in die Kehle stieß. Mir dem in der rechten Hand befindlichen
Gewandzipfel, der so zum Ausgangspunkt beschwingt leicht nach unten
fallenden Faltenwurfes wird. versucht sie, die blutende Wunde am Hals
zu stillen. Die hl. Ursula, die sich an Lucias Schulter anschmiegt,
hält einen Pfeil, mit dem die aus Britannien stammende Königstochter
auf der Rückkehr von einer Pilgerreise in Köln von Hunnen getötet wird, in den Händen.
Beide gekrönte Frauen ähneln sich wie Schwestern mit ihrem
lang ringelnden weichen Haar. das sanft über die Schultern gleitet.
Ein kleiner Mund, ein etwas breit angelegtes liebevolles Gesicht mit
mandelförmigen Augen sowie ein Unterkinn unterstreichen nachhaltig noch
ihre Ähnlichkeit. Ausgewogene Schüsselfalten laufen S-förmig über die
Leiber beinahe nahtlos ineinander über.
Der linke Flügel zeigt wiederum im Relief die hl. Anna selbdritt.
Hinter deren linker Schulter stellte der Bildschnitzer die
hl. Katharina dar, die ihr tot bringendes Marterinstrument an der
Parierstange fest hält, während die linke Hand sich am Schwertknauf
leicht abstützt. Ihr Gesicht ist ebenfalls etwas breit angelegt,
wie bei denen des anderen Flügels. Auch fällt ihr Haar sanft über
ihre Schultern gleitend lang herunter. Anna selbdritt hält auf ihrer
Rechten ihr Enkelkind, ein pausbackiges lebhaftes Kleinstkind.
Trotz Kopftuches ist es dem Bildschnitzer nicht so recht gelungen,
eine betagte Großmutter in ihr zu verkörpern. Sie trägt wie die anderen
heiligen Frauen jugendliche Züge. Die schönen Schüsselfalten der Anna
umschließen im weiten Bogen ihren Leib. Sie fließen ausgewogen von der
Hand, mit welcher sie ihr Enkelkind hält, zu der anderen, auf der mehr
symbolischen Charakter verkörpernd, ihre Tochter Maria sitzt.
In betender Pose hat diese kleine bezaubernde Figur auf dem Arm ihrer
Mutter Platz genommen. Drei Generationen verkörpern in dieser Gestaltung
schönstes harmonisches Familienglück.
Auf der gemalten Rückseite des linken Flügels kann man nur noch schemenhaft
eine rot gewandete Barbara mit dem Kelch in den Händen und eine
grün gewandete Dorothea erkennen. In den Händen hält Dorothea einen
Korb mit Blumen und Äpfeln, den sie von dem Jesuskind gereicht bekommt.
Die bei ihrer Hinrichtung von ihr geäußerte Verheißung, dass in ihres
Herrn Garten ewiglich Rosen und Äpfel gedeihen werden, erfüllte sich
somit. Als Nothelferin, verehrt bei Armut, falscher
Anschuldigung, bei Geburts- und Todesnöten, gehört sie zu den
beliebtesten Heiligen.
Eigenartigerweise ist dieser herausragende Altar der
Kunstgeschichtsforschung entgangen, obwohl Paul Lehfeldt in seinem
Inventarwerk von 1891 eindringlich darauf hinweist, indem er schreibt:.
„Die Gruppe der Maria mit dem Leichnam (90 cm hoch) ist herrlich;
das Gesicht der Gottesmutter trotz der etwas übertriebenen
Augenstellung von edler Schönheit, besonders an Mund und Kinn und ihr
Kopftuch und Mantel von großem, freien Faltenwurf, der nackte Körper
Christi von hervorragender Kenntnis zeugend. Ein heiliger Bischof
(90 cm hoch) ist ebenfalls ein ausgezeichnetes Schnitzwerk, der heilige
Bartholomäus (87 cm hoch) nicht so trefflich, aber immerhin ganz gut.
Die Flügel-Figuren (85 cm hoch) hingegen sind schlecht, mit breiten,
flachen und runden Gesichtern von törichtem Ausdruck und langweiligem
Faltenwurf...".
Dieser Aussage P. Lehfeldts kann man in ihrer positiven Schilderung
nur beipflichten. Tatsache ist auch. dass die Flügelheiligen nicht die
Qualität der Schreinfiguren besitzen; sie als „schlecht"
einzustufen ist allerdings verfehlt! Gerade diese Flügelfiguren sind es,
die zu einem Vergleich mit den Flügelfiguren zweier Altäre von Friesau
bei Lobenstein herausfordern und schließlich übereinstimmendes
Formengut zutage brachten. Hier wie dort stehen die Heiligen auf
Gras- bzw. Steinsockeln. Die im Relief etwas breit ausfallenden
Gesichtszüge der Katharina und der Dorothea vom Friesauer
Christopherusaltar, sowie der Margarethe aus dem anderen Flügelaltar
besitzen das charakteristische Doppelkinn, den kleinen Mund,
die mandelförmigen Augen, das lang herabwallende weiche Haar, sowie die eigenwillig an Laubmaßwerk
erinnernden Kronen.
All diese Merkmale sind vollkommen mit jeden der
weiblichen Flügelfiguren aus Rödersdorf identisch. Auch die meisterhaft
gestalteten Schüsselfalten der Dorothea von Friesau und der Rödersdorfer
Lucia sind eine gelungene Wiederholung; sie stimmen
beinahe nahtlos überein. Diese Besonderheiten lassen daher auf ein und
dieselbe Bildschnitzerwerkstatt schließen. Allerdings soll nicht
verschwiegen werden, dass die künstlerische Bedeutung zu Gunsten des
Rödersdorfer Flügelaltars ausfällt.
Die beiden Friesauer Flügelaltäre gelten als Werk des in Saalfeld
ansässigen Bildschnitzers Hans Gottwalt von Lohr;
sie sind um 1515 entstanden.2). H. Gottwalt wurde um 1475 in Lohr am
Main in Unterfranken geboren. 1501 wird er als Schüler von Tilman
Riemenschneider im Würzburger Lehrjungenverzeichnis der Lukasbrüderschaft
erwähnt. Seit 1503 ist er in Saalfeld nachweisbar. Zunächst besaß er
keine eigene Werkstatt, er war im Unternehmerbetrieb von Valentin
Lendenstreich beschäftigt. Nach dessen Tode (1506) besaß er bald eine
eigene Werkstatt. Er starb im Jahre 1543 in Saalfeld.
Werke seiner Hand, die in einer Auswahl der wichtigsten Stationen
erwähnt werden sollen, befinden sich unter anderem in Münchenbermsdorf
(1505, Flügelaltar von V. Lendenstreich signiert), Saalfeld
(um 1505 lebensgroße Figur Johannis d. Täufers), Meiningen
(um 1505 einzelne Heiligenfiguren), Reichenbach bei Oberloquitz
(um 1506, ein Annenaltar), Oberwellenborn (um 1506 ein Flügelaltar),
Keilhau, jetzt Angermuseum Erfurt (1507, ein Flügelaltar), Probstzella,
jetzt Thür. Museum Eisenach (um 1508, ein Altarschrein),
Auma (um 1508 Katharinenfigur), Neusitz bei Großkochberg
(um 1510 ein Flügelaltar), Friesau (um 1515, zwei Flügelaltäre),
Graba (um 1515/18 ein Flügelaltar).
Dieser eindrucksvollen Aufzählung ist aufgrund von Stilmerkmalen
eindeutig der Rödersdorfer Beweinungsaltar hinzuzufügen.
Dr. Gerhard Werner aus Saalfeld, der 1988 eine Dissertation über den
Bildschnitzer Hans Gottwalt von Lohr verfasste, hat dieses Werk aus
Rödersdorf dort allerdings nicht mit aufgeführt. Er teilte dem Verfasser
auf gezielte Anfrage, ob er einer Zuordnung der Rödersdorfer Altarwerkes
an H. Gottwalt zustimmen würde, brieflich mit, dass auch nach seiner
Meinung „der Altar . . . zweifellos in der Werkstatt Gottwalts
entstanden" ist. Wir folgen hier der Charakteristik des Bildschnitzers,
die G. Werner in einer Untersuchung über den Grabaer Flügelaltar
veröffentlichte, welche unserer Betrachtung sehr dienlich ist und
uns auch das Rödersdorfer Altarwerk näher bringt:
„Hans Gottwalt hat während seiner gesamten Schaffensperiode, die seit
seiner Ankunft in Saalfeld 1502 knapp 20 Jahre währte und dadurch die
Ereignisse de r Reformation jäh abbrach, stets in der Art seines großen
Lehrmeisters und Vorbildes Riemenschneider gearbeitet und brachte die
der fränkischen Kunst eigene Figurendarstellung voller Anmut und
Ausdruckskraft nach Thüringen. Sein persönlicher Stil war keine
epigonenhafte Nachahmung fränkischer Eigenart, sondern er verband
ihn mit traditionellen und eigenständigen thüringischen Gestaltungs-
und Kompositionselementen.
Im Laufe seines Schaffens entfernte er sich allerdings zunehmend vom Stil seines Vorbildes Riemenschneider, ohne ihn aber ganz. zu verlieren". An anderer Stelle der Publikation G. Werners heißt es: „Er war ein braver Altarlieferant, schuf jedoch auch mit der Figur des Johannes des Täufers in der Saalfelder Stadtkirche, der Anna selbdritt in Reichenbach bei Oberloquitz und der Katharinenfigur in Auma künstlerisch herausragende Skulpturen, die zu den besten Erzeugnissen der thüringischen Bildschnitzerkunst gehören". Gottwalts Rödersdorfer Flügelaltar gehört zweifelsohne zum Besten, was die ostthüringisch/vogtländische Sakrallandschaft bieten kann. Ähnlich wie ein anderer Riemenschneiderschüler, der um 1472 geborene Peter Bauer aus Zwickau, hat auch Hans Gottwalt eher zurückhaltende, schwermütig verträumte Heilige geschaffen, die eine stille Verhaltenheit ausdrücken. Mit größter Gefühlstiefe, mit einem ausgeprägten Empfinden für Schmerz und Leid hat Hans Gottwalt von Lohr mit diesem Flügelaltar, zumindest mit dem Vesperbild, Außergewöhnliches geschaffen, was den Konfessionswechsel sowie die große Zeitdauer ungemindert in der Bewertung überdauert hat, ohne aber seinen großen Lehrmeister zu kopieren. Aus Riemenschneiderscher ernster Hingabe wird bei H. Gottwalt eher ein liebenswertes verträumtes Sakralbild. Es ist eine ganz eigene Komposition, die ihren gebührenden Platz über der Rödersdorfer Altarmensa gefunden hat.
Günter Hummel